Gasthof Adler

Vortrag: Das Gasthaus zum Adler in Dettingen

K.-J. Sickler

Die Geschichte des Gasthaus zum Adler ist ein Stück Familiengeschichte der heutigen Adlerwirtin Sigi Hellstern.

Die erste Erwähnung einer Dettinger Wirtschaft findet man in der „herrschaftlichen und gründlichen Beschreibung“ von Dettingen von 1680. Jakob Schoch wird als „der ander Würth“ bezeichnet. „Er bewohnt die Täferey welche gnädiger Herrschaft gehört.“[1]   
Als Täferei wurde damals ein Wirtshaus im Allgemeinen genannt. Dass es sich bei dieser Täferei um das Gasthaus Adler handelt, kann man wegen seiner Nähe zum Schloss und durch die Bezeichnung der Herrschaft gehörig vermuten.      Es gehörte damals dem Würzburger Hofmarschall Specht von Bubenheim. Im Jahre 1691 verkaufte der sein herrschaftliches Wirtshaus![2] Leider ist nicht bekannt an wen.    
Der erste bekannte und benannte Adlerwirt war dann Josef Kuon. Am 17. Juni 1748 tauschte er sein Gasthaus zum Adler gegen den herrschaftlichen Priorberger Hof ein. Josef Kuon ist 7x Urgroßvater der heutigen Wirtin Sigi Hellstern             
Der Adler ist jetzt wieder ein herrschaftliches Wirtshaus geworden. Er war das einzige Wirtshaus im Dorf. Die Herrschaft von Muri war bestrebt das Monopol des Gasthauses zu erhalten.        
Im Jahre 1763 war in Dettingen wieder Steuereinschätzung, dort wurde vermerkt: „Wirtschaften betreffend, so befindet sich hier allein das Wirtshaus zum Adler, welches gnädigster Herrschaft zuständig, und eines Beständers, der neben dem Wein- und Branntwein schenken auch bierbrauen, bachen und mezgen darf.“ Weiter wird beschrieben, dass es schon vor dem Tausch anno 1748, „mithin vorhero ein bürgerliches und collectables Wirtshauß gewesen“ war.[3]        
Der genannte „herrschaftliche Beständer“ war Fidel Breyer von Haigerloch verheiratet mit Maria Dettling, 1769 ist Fidel verstorben. Fidel Breier ist in der fünften Generation der Urgroßvater von Sigi Hellstern
Die Witwe Maria geb. Dettling, heiratete 1769 den Xaver Hetzel von Epfendorf. Im Familienregister wird der jetzt als „Adlerwirt bezeichnet.[4]       
Angestachelt durch die Französische Revolution eröffneten die Dettinger Untertanen ohne Genehmigung der Herrschaft von Muri, ein weiteres Wirtshaus im Dorf. Das Gasthaus zum Hirsch und am Ende des 18. Jahrhunderts auch noch das Gasthaus z. Krone.      
Durch die Fürsprache der Gemahlin Napoleons, Josefine, blieb beim Reichsdeputationshauptschluss 1803 das kleine Ländchen Hohenzollern erhalten. Fürst Anton Aloys erhielt als Schnäppchen sogar noch die fünf Muridörfer Glatt mit Neckarhausen, Dettingen, Dettlingen, Dießen, und Dettensee, dazu. Weil der Adler bisher herrschaftlicher Besitz der Benediktiner von Muri war, wurde das Gasthaus ebenfalls dem Fürstenhaus Hohenzollern zugeschlagen. Damit war der Gasthof Adler von 1803 bis zum 15. März 1808 in fürstlich hohenzollerischem Besitz.
Dann 1808 verkaufte Fürst Anton Aloys den Gasthof Adler an Josef Breyer, dem Sohn des Fidel Breyer.[5] Der Josef Breier ist 4x Urgroßvater der heutigen Adlerwirtin. Bis 1838 war er der Adlerwirt.
Sein Sohn Martin Breier betrieb das Gasthaus noch fünf Jahre lang, bis 1843. Den Hinweis, dass er 3 x der Urgroßvater von Sigi ist kann ich mir eigentlich sparen.
Als Martin 1843 verstarb, verehelichte sich die Witwe Maria Anna mit Georg Blocher. Er ist als nächster Adlerwirt genannt. Am 29. November 1861 wurde von der jetzt preußischen königlichen Regierung, dem Adlerwirt Georg Blocher eine „Malzschrotmühle“ genehmigt. Bei der Steuereinschätzung vier Jahre später wurde beschrieben, dass die beiden Wirtschaften Adler und Hirsch etwa gleichgestellt wären: „Speisung und Beherbergung ist gut. Die Einkehr von Flößern und Fuhrleuten ist nicht unbedeutend. Die Hochzeiten werden im Adler und Hirsch abwechselnd gehalten. Beide Wirtschaften brauen ihr Bier selber und zwar 90-100 hl pro Jahr.“[6] 1877 ist Georg Blocher verstorben.
Die Tochter Sophia Breier aus erster Ehe hatte Martin Ege geheiratet. Von 1877 bis 1879 ist Martin Ege der Adlerwirt.                  
Während der preußischen Zeit blüht das „Gastwirtschaftsgewerbe“ in Dettingen gewaltig auf.
Über die Dettinger Wirtschaften schreibt der damalige Pfarrer Schick: „Tanzbelustigungen zu anderen Zeiten als an feierlichen Hochzeitsfesten werden hier – Gott sei Dank – fast niemals abgehalten! Im Laufe von sieben Jahren war ein solcher außerordentlicher Tanz höchstens 4 – 5 Mal gelegentlich eines Militärfestes, oder der Sichelhänke am Ende der Ernte. Dieser Umstand, dass Tanzvergnügen nur selten vorkommen, ist hauptsächlich auf die im Ganzen gute Gesinnung der hiesigen Wirtshausbesitzer zuzuschreiben.“[7]        
Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20 Jahrhunderts gediehen weitere 7 Dettinger Wirtschaften.

Kein Gastwirt war damals nur Gastwirt. Zu jedem Gasthaus gehörte auch ein Landwirtschafs- oder ein Handwerkerbetrieb.  
Nach dem Tod der Ehefrau des seiner Ehefrau Sophia geborene Breier ging das Gasthaus an Rudolf Roth über.   
Rudolf Roth ist 2x Urgroßvater der heutigen Adlerwirtin. Durch einen schrecklichen Unfall kam er im März 1893 zu Tode. Er hatte ein Kind vor dem Ertrinken im Neckar gerettet und war dabei selbst ertrunken. Seine Witwe Hermine Roth führte das Gasthaus bis 1902 weiter. Vermutlich ging damals die mit dem Betrieb verbundene Bierbrauerei ein. „Adlerwirts Braukeller“ befand sich bis dahin draußen im Längental.
Der Sohn Paul Roth war bis 1923 Adlerwirt. Danach seine Witwe Maria Roth geb. Lohrmann bis 1931. Sie sind die Urgroßeltern von Siegrid Hellstern.           
Durch Heirat der Tochter Hermine Roth mit Josef Hellstern waren diese bis 1962 die Adlerwirte. Und Großeltern der Sigrid Hellstern. Zum Gasthaus gehörte immer noch ein landwirtschaftlicher Betrieb. Das Recht zu backen und zu schlachten wurde bereits von den vorigen Wirten aufgegeben. Das Recht Schnaps zu brennen besteht noch heute.
Josef Hellstern erzähle, wie sich das Lokal füllte, nach dem die Arbeiterzüge mit den Pendlern von Oberndorf und Sulz, auch von Horb her einfuhren, vor allem freitags wenn in den Fabriken der Wochenlohn ausbezahlt wurde. Viele genehmigte sich erst ein Bier im Gasthaus bevor der Heimweg angetreten wurde, denn meist erwartete den Fabrikarbeiter dort weitere Arbeit als Nebenerwerbslandwirt.
Zur Zeit der Weimarer Republik mit der großen Arbeitslosigkeit wäre es auch vorgekommen, dass ein Weib (Frau) in das Gasthaus kam, sie habe ihrem Ehemann das leere Mehlsäcklein um die Ohren gehauen mit den Worten: Du hockst do henna ond saufsch ond Kender hend nix zum Esse. Besonders hoch ging es im Wirtshaus her. Freitags wurde der Wochenlohn ausbezahlt. wenn die Arbeiterzüge aus Sulz, Oberndorf und Horb einfuhren genehmigte sich mancher ein Bier.
Aus erhaltenen Feldpostbriefen während dem II. Weltkrieg geht hervor, wie sehr der Adler mit dem Dorf und der Heimat eng verbunden wurde. Einer schrieb: … ich würde gerne am Stammtisch im Adler sitzen, aber das kann lange dauern, wenn es einmal wahr wird, – da wird aber einer getrunken!
Ein Anderer schreibt: Steht der Adler noch? Wenn der Adler nicht mehr steht, will ich auch nicht mehr leben.            
Nach dem Krieg 1947 wurde im Adler wieder das erste große Fest gefeiert. Adlerwirt Josef Hellstern erzählte: Weil die Gerste zum Brotbacken gebraucht wurde, konnte kein Bier gebraut werden. Das Jahr 1946 war aber ein sehr guter Mostjahrgang und so wurde am 14. Mai gefeiert wie schon lange nicht mehr mit Most und Tanzmusik bis spät in die Nacht hinein.       
Zehn Jahre später, am Kirbe Samstag, den 19. Oktober 1957 war Jubiläumsfest, der Adler feierte sein 200 jähriges Bestehen. Der Braumeister der Hirschbrauerei braute extra einen Jubiläumsbock.          
Adlerwirts Scheune war zum Festsaal umgebaut worden. Öffentliche Hochzeiten, Tauf- und Trauerfeiern, Vereinsfeiern, Tanzveranstaltungen, Theaterspiele, Kinovorführungen, Konzerte, große Fastnachtsbälle wurden jetzt im Adlersaal gehalten. Hier spielte sich das kulturelle Leben des Dorfes ab.           
Damals standen Kutteln auf der Speisekarte, sie kosteten 1,50 DM. Die Bratwurst mit Salat kostete ebenfalls 1,50. Als etwas Neues stand jetzt die Gulaschsuppe für 1.60 auf der Speisenkarte. Der Schweinebraten mit Kartoffelsalat kostete 2,50 DM.       
Bei den Hochzeiten gab es für die geladenen Gäste meistens Gemischter Braten mit Kartoffelsalat. Für die Musikanten und übrigen Hochzeitsgäste obligatorisch, weiße Bratwurst mit Kartoffelsalat und Soße. Damals kamen noch viele Durchreisende auch Handwerker  und Waldarbeiter. Die Meisten barachten damals ihr in Zeitungspapier eingewickeltes Vesper selber mit. Beim Wirt bestellten sie dann das Bier dazu.  
Auf der Vesperkarte standen jetzt auch Ripple, Eisbein, gekochter Schinken und der Aufschnitt. Das Vesper kostete zwischen 1,50 und 1,80 DM.           
In der Bundesrepublik war um 1960 ein bis dahin unbekannter Wohlstand entstanden. Auch Dettingen rüstete sich damals für den Fremdenverkehr. Im Touropa- Prospekt warb unser Dorf mit der Besonderheit, „Baden im Neckar und im Freibad in Sulz.“ Der Adler bietet jetzt Fremdenzimmer mit fließend kalt- und warm Wasser an.      
Dettingen erscheint im Prospekt zwischen „Bungalows am Strand von Pula-Podstinja in Jugoslawien“ und „San Miguel auf den Azoren“. In den Badeorten kostet die Flasche Wein zwischen 1,50 und 4 D-Mark. In Dettingen kostet „der Schoppen Wein 1 Mark“.     
Von 1968 bis zum Jahr 2001, führte der Sohn Theo Hellstern mit Ehefrau Bärbel geb. Locker das Gasthaus. Jetzt standen Garnelen in Dillrahm, Rauchforelle mit Meerrettich, Zanderfilet in Riesling, Schweinekotelette mit Sauce Robert und das Filetsteak Cafe de Paris auf der Speisenkarte.
Durch den erreichten Wohlstand ging an der dörflichen Struktur einiges verloren. Die Menschen orientierten sich jetzt anders. Jeder hat seinen eigenen Fernseher, Bierkasten und Weinvorrat im Haus. Zur Gestaltung der Freizeit werden weite Wege in Kauf genommen, der Mensch ist mobil geworden. Von den einst sieben Wirtschaften im Dorf existieren jetzt nur noch zwei, der Adler und das Raucherlokal Krone. Auf dem Priorberg gibt es zwei weitere Gasthäuser.  
Im Jahr 2001 ging das Gasthaus Adler an die Tochter Sigrid Hellstern über.
Mit dem Angebot einer Eventgastronomie, z. B. Krimi- Dinner, Grusel- Dinner, Genießer Frühstück, Italienische Nacht, Schweizer Nationalfeiertag, Vorträge Traum und Wirklichkeit oder das Käsefondue im November und Tanztee am Sonntagnachmittag bietet die Adlerwirtin heute immer neue Events. Nicht vergessen werden darf das gemeinsame Mittagessen der Senioren und das Treffen am Adlerstammtisch.         
2007 gab es wieder ein großes Fest der Adler feierte sein 250 jähriges Bestehen. Genau 10 Jahre später 2017 bleibt für unser Dorf der Wunsch, dass das vor über 260 Jahren als colectabel bezeichnete Wirtshaus uns weiterhin als ein solches erhalten bleibt.

 

 

[1] Staatsarchiv Sigmaringen: Nr.1 HO 163, T3 Nr. 235 Dettingen Herrschaft Muri Glatt
[2] Staatsarchiv Sigmaringen: Bestand HO 163 T3 Nr.253 Nr. 15 und Ho 163 T3 Nr. 253
[3] Staatsarchiv Sigmaringen: Bestand, Ho 163 Nr. 52 Bd.2 Film 1998 / 103
[4] Kath. Pfarramt Dettingen: Familienregister II. Band Pag. 243 u. 321
[5] Staatsarchiv Sigmaringen Ho 201 T1 Nr. 981
[6] Ortsarchiv Dettingen
[7] Pfarrarchiv Dettingen

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